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Predigt

Predig von Monsignore Andreas Kurte, Domkapitular in Paderborn

Liebe Frau Graefenstein, liebe Frau Lübbert, Schwestern und Brüder hier in der Nikolaikirche und das über alle Konfessionsgrenzen hinweg.

Musik hat im Hause Graefenstein immer eine besondere Rolle gespielt. Bedingt durch die Tätigkeit des Vaters als Kirchenmusiker in Hagen und Soest war es sicher eine Selbstverständlichkeit, dass die Kinder an die Musik herangeführt wurden. Rudolf Graefenstein liebte die Musik, er hat die Kirchenmusik in Höxter stets gefördert, dankbar erinnern wir uns, wenn er im Rahmen einer Gemeindeveranstaltung spontan ans Klavier ging, die Kinder aus dem Kindergarten versammelten sich unter dem Fenster, wenn aus der Rodewiekstraße Klaviertöne erklangen.
Für mich gehört Händels Oratorium „Der Messias“ zu den stärksten musikalischen Hoffnungsbildern die ich kenne. Gerade im 3. Teil dieses Werkes wird die Thematik der Auferstehung und des ewigen Lebens der Gläubigen in besonderer Weise bedacht. Der Höhepunkt ist für mich -als Wunderwerk musikalischer Architektonik- das große „Amen.“ Instrumentalisten und Chorsänger benötigen für dieses Amen sage und schreibe 3,25 Minuten. Hier bündeln sich die unterschiedlichen Bilder des Oratoriums, Freud und Leid alles scheint in diesem großen Amen seine Erfüllung zu finden, die christliche Botschaft wird als etwas Freudenvolles dem Hörer näher gebracht.
Alles findet die Erfüllung im hebräischen Wort Amen: so sei es/ so ist es.
Dieses Amen kann uns in der jetzigen Stunde Deutungshilfe sein. So ist es…
Rudolf Graefenstein ist tot. Für viele seiner Wegbegleiter in Höxter und darüber hinaus gilt es, dies erst einmal zu akzeptieren. Nie wieder wird er über den Marktplatz gehen, er, der wie die Weser zu Höxter gehörte. Nie wieder werden wir sein Lächeln sehen, mit dem er so viele Menschen gewonnen hat. Nie wieder werden wir seine flotten Sprüche hören, mit denen er wusste Situationen aufzulockern. Nie wieder wird er von dieser Stelle Gottes Wort verkünden, hier wo er 41 Jahre gelebt hat und 33 Jahre als Pfarrdechant tätig war. Als ich am Samstagmorgen beim Frühstück die Höxteraner Zeitung aufschlug habe ich gedacht: passender konnte Rudolf nicht beschrieben werden: Das große Herz von Höxter schlägt nicht mehr. Und dann das Bild daneben: das uns bekannte und so geschätzte Lächeln von Rudolf.
Unzähligen Menschen war er in Freud und Leid ein Wegbegleiter, und das über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Wie oft hat er in den Dienstbesprechungen kopfschüttelnd gesessen, wenn wir überlegt haben, wie denn nun die Seelsorge in einem Pastoralverbund gestaltet werden muss. Das war nicht seine Sache. Worüber ihr euch alles Gedanken macht… Sein Pastoralkonzept war einfach und erfolgreich: den Menschen nahe und das mit einem ganz weiten Herzen. Auf diese Weise hat er unzählige Menschen innerhalb der Nikolaigemeinde zur Mitarbeit motiviert. Vieles was in 33 Jahren seines pastoralen Wirkens in Höxter Gestalt angenommen hat, war nicht Werk eines Einzelkämpfers, sondern Gemeinschaftswerk, im Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat und in vielen Gruppen und Gremien bis hinein in die Stadt.
Rudolf Graefenstein ist tot. So ist es. Amen.

Das Amen kann uns eine weitere Deutungshilfe sein.
Wie bereits erwähnt war es Händel ein Anliegen, den christlichen Auferstehungsglauben im 3. Teil seines Oratoriums besonders zu beleuchten und die christliche Botschaft den Hörern als etwas Freudenvolles nahe zu bringen. Das ist auch Rudolf gelungen. Das war seine Berufung. Durch sein Tun den Auferstandenen zu verkünden und seine frohmachende Botschaft.

Ich weiß dass mein Erlöser lebt, denn Christ ist erstanden von der Marter.
Halleluja. Wäre Christus nicht auferstanden, dann wäre unser Glaube sinnlos, sagt Paulus einmal. Dieser Auferstehungsglaube ist der Dreh- und Angelpunkt unseres christlichen Glaubens. Den Auferstandenen und seine frohmachende Botschaft, dass wollte Rudolf Graefenstein verkünden, das hat er gelebt über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Jetzt hoffen wir, dass Rudolf im Himmel, der nicht geteilt ist, seine Erfüllung findet.

Ökumene war ihm ein Herzensanliegen, nicht das Trennende in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Verbindende. Pfarrdechant Sander schreibt 1969 in der Pfarrchronik von St. Nikolai von einem ökumenischen Gottesdienst als ein Ereignis von herausragender Bedeutung. Wie selbstverständlich sind heutzutage die gemeinsamen Gebete und Gottesdienste während des Jahres hier in Höxter. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Rudolf Graefenstein ist in der Ökumene vieles zu einem guten Miteinander geführt worden. Das Feld war 2003 gut bestellt, als ich seine Nachfolge antreten durfte.
Nicht nur nach außen sichtbar hat er vieles erreicht. Ich erahne nur, wie viel Ermutigung er katholischen und evangelischen Christen zugesprochen hat, die in einer konfessionsverbindenden Ehe leben und nach Wegen suchen ihren Glauben gemeinsam zu praktizieren. Wenn Menschen in Freude und Trauer begleitet werden mussten, dann spielte für ihn die Konfession keine Rolle. Auch hier zeigt sich sein weites Herz.